Ratgeber · AT-R11REV. 2026-A
Festplatte kaputt: Was Sie jetzt auf keinen Fall tun sollten
Falls Sie das gerade auf dem Handy lesen, während der Rechner nebenan noch läuft: Machen Sie ihn aus. Über den Netzschalter, gedrückt halten. Nicht herunterfahren.
Den Rest können Sie danach lesen.
Warum das Ausschalten so eilt
Bei einer Festplatte, die mechanisch beschädigt ist, richtet jede weitere Umdrehung zusätzlichen Schaden an. Der Schreib-Lese-Kopf schwebt normalerweise auf einem hauchdünnen Luftpolster über der Scheibe. Berührt er sie, kratzt er die Magnetschicht ab. Und was einmal abgekratzt ist, holt niemand zurück. Auch kein Labor.
Wenn das Laufwerk klackt, klickt, schleift oder in Abständen immer wieder neu anläuft, ist das kein Softwareproblem. Das ist Mechanik. Sofort ausschalten.
Bei einer SSD gibt es keine beweglichen Teile, aber ein anderes Problem: Der Controller ist noch aktiv, solange Strom anliegt, und arbeitet im Hintergrund weiter. Auch das kann die Lage verschlechtern.
Die fünf Reaktionen, die es schlimmer machen
- Weiterarbeiten und hoffen. Der verbreitetste Fehler. Es läuft ja noch, irgendwie. Jede Minute im Betrieb kostet Sie Daten.
- Aus- und wieder einschalten. Und nochmal. Bei einem mechanischen Defekt ist jeder Anlaufversuch ein weiterer Durchgang über die beschädigte Stelle. Nach dem fünften Versuch ist regelmäßig weniger zu retten als nach dem ersten.
- Ein Rettungsprogramm drüberlaufen lassen. Die Werkzeuge, die man kostenlos findet, schreiben Daten. Manchmal auf dasselbe Laufwerk, von dem sie retten sollen. Damit überschreiben Sie genau das, was noch da war. Und Sie halten das Laufwerk stundenlang unter Last, während es ohnehin schon stirbt.
- Windows reparieren lassen. Wenn Windows anbietet, den Datenträger zu prüfen und zu reparieren, klingt das gut gemeint. Solche Prüfungen schreiben aber Änderungen ins Dateisystem. Bei einer defekten Platte kann das Verzeichnisstrukturen zerstören, die vorher noch intakt waren.
- Aufschrauben. Es kursiert der Tipp, die Platte in den Gefrierschrank zu legen oder das Gehäuse zu öffnen und nachzusehen. Bitte nicht. Eine geöffnete Festplatte ist außerhalb eines Reinraums in Sekunden mit Staub kontaminiert. Danach ist auch für ein Labor Schluss.
Was stattdessen sinnvoll ist
Gerät aus, Laufwerk drin lassen, nichts weiter anfassen.
Notieren Sie, was passiert ist. Ist der Rechner gefallen? Gab es einen Stromausfall? Macht das Laufwerk Geräusche? Wurde etwas gelöscht oder formatiert? Diese Angaben entscheiden über das Vorgehen, und im Nachhinein erinnert sich niemand mehr genau.
Und dann die wichtigste Frage: Wie wichtig sind die Daten wirklich? Davon hängt alles ab. Bei Urlaubsfotos rechnet sich ein Labor selten. Bei der Buchhaltung der letzten sieben Jahre sieht das anders aus.
Wie professionelle Rettung abläuft
Der erste Schritt ist immer derselbe: Es wird eine vollständige Kopie des Laufwerks gezogen, Sektor für Sektor, mit einem Gerät, das defekte Stellen überspringt statt sich daran festzubeißen.
Ab da wird ausschließlich an dieser Kopie gearbeitet. Das Original wird nicht mehr angefasst. Wenn ein Rettungsversuch scheitert, zieht man eine neue Kopie und probiert etwas anderes.
Genau das ist der Unterschied zum Programm aus dem Internet. Nicht die klügere Software. Sondern dass niemand mehr auf dem Patienten herumoperiert.
Bei mechanischen Schäden geht das nicht mehr am Schreibtisch. Dann muss das Laufwerk in einen Reinraum, wo Köpfe oder Elektronik getauscht werden. Das ist Speziallabor-Arbeit, dauert Tage bis Wochen, und die Kosten liegen schnell im vierstelligen Bereich. Seriöse Anbieter machen zuerst eine Analyse und nennen Ihnen danach einen Preis. Wer vorher schon Erfolg garantiert, sollte Sie misstrauisch machen.
Ein unangenehmer Absatz zum Schluss
Datenrettung ist kein Ersatz für ein Backup. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn keines da war.
Sie ist teuer, sie dauert, und sie funktioniert nicht immer. Ein Backup kostet einen Bruchteil davon und liefert die Daten in Stunden statt in Wochen.
Wenn Sie diesen Artikel gerade im Ernstfall lesen: Kümmern Sie sich erst um das Laufwerk. Aber setzen Sie sich danach einen Termin. Wie ein Backup aussehen sollte, das im Ernstfall trägt, steht in unseren Ratgebern zur 3-2-1-Regel und zum Wiederherstellungstest.
Der zweite Ausfall kommt bestimmt. Nur weiß niemand, wann.